Autor: 1stklaas
Jetzt hat es die längste Zeit gedauert, sagt der deutsche Kinobetreiber und bestellt schon mal neues Öl für die Popcornmaschine – das alte ist in der langen Zwangspause ranzig geworden. Und der netflixgeplagte Medienkonsument denkt sich nach einem Jahr Wohnzimmer: „Ein großer Teil der Magie des Kinos ist wirklich seine Darbietung, die riesige Leinwand, der Sound, die dicken Teppiche, der quietschende Klappsessel und sogar das Geraschel von vorne rechts fehlt mir.“
Da kann auch ein schönes Heimkino nicht gegen anstinken. Also Vorfreudeprogramm rein und Action:
Im Kinokompendium kann der geneigte Filmfan schon mal sein favorisiertes Lichtspielhaus herausnerden, Critic liefert die passende Filmkritik, die regelmäßig klingt als hätte jemand eine filmwissenschaftliche Masterarbeit auf 300 Wörter eingedampft und dann noch das Yorck-Kinoabo bestellt, denn es bietet zu einem Preis, der kaum über dem Netflix-Premium-Paket liegt, Gelegenheit, die verpassten Filmerlebnisse in geballter Form nachzuholen.
Genug Anlass zur Vorfreude also. Aber was ist das, diese Vorfreude? Etwas anderes als Freude?
„Vorfreude ist die schönste Freude“, sagt ein Sprichwort, das die deutsche Seele ach so treffend widerspiegelt. Die Vorfreude ist also auch eine Freude, die Freude in Erwartung der Freude. Warum ist diese dann besser? Weil sie im Gegensatz zur Freude an der Freude nicht alsbald vorüber ist? Weil die Freude, sobald ihr Ende naht, schon überschattet wird? „It’s Friday, I’m in love, Saturday, wait, and Sunday always comes too late.“
Wäre dann nicht die größte Freude eine Freude auf eine Freude, die nie kommt, ich das aber nicht weiß? Das brauche ich hier glücklicherweise nicht zu beantworten. Lieber warte ich auf die wahre Liebe oder den Weltfrieden. Oder einfach nur auf das erste postpandemische Popcorn.
Süß, bitte.
Human Error
Angela, oh Angela, Du hast so wunderschönes Haar, Und einen Mund so sinnlich, Wie Jens Spahns Aura kindlich. Wird dein Verkehrsminister frech, Dann scheuerst du ihm eine, Erhebt ein Schulz die Stimme, Dann steht er bald alleine. Der deutschen Seel' am Busen hast genährt, Uns täglich sanft ins Kindbett abgelegt, Dein Benz war unser liebstes Traumgefährt, Kein Misstrauen hätten wir jemals gehegt. Doch was ist nun beim großen C, Die Wahlen enden wie bei Moby Dick, Das C taucht tief und es tut weh, Mein blaues Haar denkt: das ist sick! Die Grünen scharren schon mit den Sandalen, Die Irren gröhlen froh bei Quergedenk, Am Horizont, da drohen bald die nächsten Wahlen, Sie sind beileibe nicht das angedacht' Geschenk. Dieses Laschet das ist viel zu eng, Keucht Angela und Markus bellt ihr bei, Der Multikulti-Pöbel kommt und sein Gemeng, Die Grüne Armee Fraktion dreht frei. Willst du mir einen Baerbock aufbinden, Oder den Habeck zum Gärtner machen, Wie sollen wir denn einen Kanzler finden, Ich finde das wirklich nicht zum lachen. Fasst sie endlich, sperrt Sie ein, Zetert Lord Voldemerz aus dem Verließ, Wir können nicht, wir sind zu klein, Kein Impftermin und uns geht's mies. Am Ende bleibt da nur der Adenauerfimmel, Denn sicher ist, wir leben alle unter dem gleichen Himmel, Aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont, Und es vielleicht von Anfang an schon nicht gekonnt.
* Danke an Christoph K. und Rezo für die Inspiration bei der Titelgebung.
CARNAGE
Nick Cave (diesmal in Zusammenarbeit mit Warren Ellis) hat ein weiteres hochgelobtes Album veröffentlicht. Der neueste Cavesche Schwermut ist natürlich Pflichtprogramm.
Der Flug
Arbeit, Wirtschaft, Finanzen
- Die normale Wochenarbeitszeit wird auf 20-30 Stunden gesenkt. Verstöße dagegen werden notfalls ordnungsrechtlich verfolgt.
- Anwesenheitspflicht am Arbeitsplatz ist zukünftig nur noch bei Vorliegen eines sachlichen Grundes gegeben.
- Der Verdienst in Unternehmen wird gedeckelt. Der höchste Verdienst sollte nur ein x-faches des niedrigsten Verdienstes sein. Das x wird dabei branchen- und betriebsspezifisch durch eine unabhängige Stelle festgelegt.
- Es wird ein bedingsloses Grundeinkommen getestet und bei Erfolg eingeführt.
- Statistisch als unangenehm empfundene Tätigkeiten erhalten einen eigenen, höheren Mindestlohn. Eine Tätigkeit darf nicht nur nach notwendiger Qualifikation bezahlt werden, sondern auch nach der der individuellen Aufopferung. Ähnliches gilt ja (z.T.) bereits für gefährliche Tätigkeiten.
- Das Wachstumsdogma muss fallen, sonst fallen wir.
- Steuerprivilegierungen müssen am Gemeinwohl orientiert sein, nicht am Interesse der Eliten.
- Vermögen müssen besteuert werden. Finanzielle Ungleichheit unterminiert den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
- Finanztransaktions- und ähnliche spekulationshemmende Steuern werden eingeführt. Die Börse muss Ort der Wertschöpfung sein und kein computergesteuertes Kasino.
Bildung
- Die Gesamtschule wird zum Normalfall und zum Grundstein der Einheit der Gesellschaft. Hohen Begabungen kann auch schulintern, durch modulare Unterrichtsmodelle, Rechnung getragen werden.
- Alle alten Lehrpläne kommen in den Müll und werden durch von modern geschulten Wissenschaftlern erstellte Rahmenpläne ersetzt.
- Die Lehrer*-Schüler-Ratio wird angepasst bis sie ein Verhältnis von 1 zu 10 erreicht. Damit verändert sich die Gruppendynamik und das Verhältnis zum Lehrer
- Die Lehrer*ausbildung erhält einen neuen Fokus – nicht Wissen muss vermittelt werden, sondern Neugier, Interesse und Kreativität. Wissen, was im Gehirn keine emotionale, als sinnhaft empfundene Andockstelle hat, geht in kürzester Zeit verloren. Ein solcher Unterricht ist sinnlose Zeitverschwendung.
- Lehrer* erhalten regelmäßig Nachschulungen und werden in dreijährlichen Abständen reviewed. Dafür erhalten sie künftig mehr Geld.
- Schulen werden zu Wohlfühlorten umgebaut, mit mehr Freizeitangeboten und Betreung, um die Distanz zwischen Schülern und Schule zu senken.
- Schüler* absolvieren als Motivation und Vorbereitung Praxiswochen an der Universität oder Berufsschule.
- Das Numerus-Clausus-System wird durch individuelle Aufnahmetests ersetzt. Schulnoten sind v.a. aufgrund ihrer lokalen Uneinheitlichkeit und der Abhängigkeit vom adoleszenzbedingten geistigen Entwicklungstand der Schüler ungeeignet über einen Zugang zur Universität zu bestimmen.
- Professoren*, die ihre Lehrtätigkeit nicht ausführen wollen oder unzureichend ausführen, müssen stärker zur Verantwortung gezogen werden. Hier ist ggf. eine stärkere Trennung von Forschung und Lehre sinnvoll, da diese sehr unterschiedliche Anforderungsprofile haben.
Umwelt
- Die Vermeidung der Erderhitzung wird politische Toppriorität und Aufklärung dazu wird journalistisches Leitthema.
- Die Vereinten Nationen statten den Weltklimarat mit weitreichenden Kompetenzen aus. Die dort gefundenen wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen in den Rang von Verpflichtungen aufrücken und Verstöße sanktionert werden.
- Die WTO schafft und implementiert Regelwerke zur Schaffung eines emissionsarmen bis -freien Welthandels. Staaten, die durch ihre Emissionen die Weltgemeinschaft gefährden, werden wirtschaftlich unter Druck gesetzt (Embargos, etc.).
- Der Bau von Anlagen zur fossilen Energieerzeugung wird alsbald untersagt. Die Energieerzeugung aus fossilen Energien wird im Verhältnis zu den zu erwartenden Folgekosten der Verschmutzung höher besteuert. Energieerzeuger werden verpflichtet emissionsfreie Anlagen zu bauen, wenn sie weiter Betriebserlaubnisse für alte Anlagen aufrecht erhalten wollen. Notfalls baut der Staat selbst eine emissionsfreie Energieerzeugung auf.
- Fleischproduktion wird erheblich höher besteuert. Ein tierisches Lebewesen zu verspeisen ist ein Luxus der Geld kosten muss. Lebensmitteltransporte per Flugzeug werden massiv besteuert oder untersagt, lokale Produktion gefördert.
Internationale Politik
- Staaten mit Kolonialvergangenheit sollten sich, soweit nicht schon geschehen, zur Wiedergutmachung verpflichten. Dafür werden interstaatliche Abkommen geschlossen, die eine wirtschaftliche Kooperation beinhalten.
- Hunger- und Seuchenbekämpfung werden Toppriorität, auch zur Vermeidung weiterer Pandemien.
- Es wird darauf hingearbeitet lokale Verteidigungsbündnisse abzuschaffen, da diese einer globalisierten Welt nicht mehr genügen.
- Die internationale Abrüstung muss weit oben auf die Agenda. Militärausgaben stellen im 21. Jhd. eine weitgehend sinnlose Verschwendung dar, die wir uns nicht leisten können. Die Abrüstung kann aber nur im Einvernehmen erfolgen.
- Die Vereinten Nationen schaffen eine spezialisierte Stelle zur Versöhnung religiöser und sonstiger innerstaatlicher Konflikte. Bürgerkriege stellen die größte militärische Herausforderung der Jetztzeit dar. Hierbei werden vor allem religiöse Themen zur Mobilierung und Verübung von Gewaltakten missbraucht.
- Steuervermeidung wird durch internationale Abkommen härter sanktioniert. Steueroasen werden mit Embargos belegt.
- Die Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung werden massiv ausgeweitet.
- Fluchtbewegungen werden als Ausdruck der menschlichen Selbstbestimmung anerkannt und das Asylrecht für voll genommen.
- Die Todesstrafe wird international verboten (da sie gegen die EU-Menschenrechtskonvention verstößt (und gegen sehr viele andere Regeln, Werte und Vorstellungen)).
Sonstiges
- Neben Alkohol, Koffein und Nikotin, etc. werden auch alle weiteren Betäubungsmittel entkriminalisiert. Der sogenannte und vermeintliche Krieg gegen die Drogen ist gescheitert, er verursacht vielmehr massive Folgekriminalität und füttert das organisierte Verbrechen. Stattdessen sollte Aufklärung und kontrollierte Abgabe gefördert werden.
- Die Wohnungsmieten werden preislich gedeckelt. Ein Mensch kann sich nicht aussuchen, ob er wohnen will oder nicht. Damit besteht ein Schutzbedarf gegenüber finanzieller Ausbeutung. Das Bauen oder Erwerben eines Hauses und die folgende Vermietung (ohne wesentliche Folgeleistungen) stellt keine gleichwertig schützenswerte Position dar. Ein indidueller Interessenausgleich kann durch staatliche Stellen geprüft werden (z.B. bei Vermietung als Altersvorsorge).
- Techunternehmen werden dazu verpflichtet ihre technischen Geräte mit suchtpräventiv wirkenden Mechanismen auszustatten.
Fazit
Vieles von dem was hier steht, klingt utopisch, kommunistisch, nicht durchsetzbar, übertrieben. Das ist es nicht! Es sind notwendige Ansätze, einige uralt, andere neu und ich habe sie in einer Stunde relativ wahllos aus meinem Kopf herausgepickt und niedergeschrieben. Einiges davon wird kommen, anderes nicht, einiges wird anders gemacht werden und trotzdem gut sein, einiges wird nicht funktionieren, noch viel mehr wird kommen, vieles wird sich ändern, einiges kaputt gehen. Wir sollten nicht deshalb verzagen, weil es schwierig ist die Welt umzukrempeln. Wer es aus der Steinzeithöhle in den Weltraum geschafft hat, dem ist alles zuzutrauen!
Kreativität
Wie soll man beschreiben, was Adam Curtis, britischer Dokumentarfilmer, da in minutiöser Kleinarbeit für die BBC zusammengeschnitten hat? Am besten so wie er selbst:
We are living through strange days. Across Britain, Europe and America societies have become split and polarised. There is anger at the inequality and the ever growing corruption – and a widespread distrust of the elites. Into this has come the pandemic that has brutally dramatised those divisions. But despite the chaos, there is a paralysis – a sense that no one knows how to escape from this.
Can’t Get You Out of My Head tells how we got to this place. And why both those in power – and we – find it so difficult to move on. At its heart is the strange story of what happened when people’s inner feelings got mixed up with power in the age of individualism. How the hopes and dreams and uncertainties inside people’s minds met the decaying forces of old power in Britain, America, Russia and China. What resulted was a block not just in the society – but also inside our own heads – that stops us imagining anything else than this.
Ein wilder Ritt durch die letzten 70+ Jahre. Verwirrend, provokant, unterhaltsam. Sehr empfehlenswert!
God Save The Queer
Das Vereinigte Königreich driftet zwar politisch immer weiter in den Atlantischen Ozean. Dafür ist es volle Kanne in den europäischen Schlagzeilen.
Aktuelle Highlights: Ex-Prinzessin Markle dreht bei Oprah das Königshaus durch den Rassismusfleischwolf und Alexander Boris de Pfeffel Johnson grillt uns mit seiner ellbogigen Impfkampagne.
Die Anschuldigungen gegen das britische Königshaus sind insbesondere deshalb brisant, weil dieses – man möge es mir verzeihen – nicht viel mehr als ein Relikt, einen politischen Blinddarm, darstellt. Seit 1834 hat das Königshaus nicht mehr entscheidend in die Geschicke des Parlaments eingegriffen und ist damit eher mit einem Entertainment-Unternehmen vergleichbar, als mit einer politischen Institution – obwohl es weiterhin erhebliche staatliche Beihilfen kassiert.
Eine Institution ohne echten Nutzen lebt aber vor allem von seinem Image. Und dieses wird durch die Anschuldigungen zu endemischem Rassismus erheblich beschädigt. Zwar sind auch in der Vergangenheit einige Skandale passiert. Diese stammen aber vor allem aus den Kategorien Schmuddel und Schwachsinn. Der Rassismusvorwurf hat dagegen politische Dimension und muss im Vereinigten Königreich, das sich erheblich über seine Weltoffenheit definiert, zu Verwerfungen führen.
Verwerfung ist ein gutes Stichwort, um auf Boris zurückzukommen. Mr. Johnson, der rein optisch betrachtet immer unter Strom steht, tatsächlich aber nur im Wachzustand, war letztes Jahr öffentlichkeitswirksam an CoVid19 erkrankt. Da er danach noch abgerissener aussah als vorher, darf vermutet werden, dass die Erkrankung nicht sonderlich angenehm gewesen ist. Boris, der sich vorher als ignoranter Prahlhans für unverwundbar gehalten hatte, hat dadurch offenbar dazu gelernt und impft derzeit im Vereinigten Königreich im sehr respektablen Tempo (bisher sind 22 Millionen Briten geimpft). Deutschland dagegen schleppt sich mit unpragmatischer, allzu konsensorientierter Impfpolitik durch das Frühjahr und liegt bei etwa 5 Millionen.
Müssen wir da vermuten, dass Johnsons persönliche Betroffenheit Anlass dafür war, ein Mehr an Impfstoffproduktionskapazitäten zu schaffen? Das wäre eine fatale Diagnose, lässt sich aber nicht beantworten. Betreibt Johnson eine UK-First-Strategie und verhält sich damit gegenüber der EU „unfair“? Auch hier mehr Fragen als Antworten.
Was bleibt ist ein ungutes Gefühl, dass wir unsere britischen Freunde langsam verlieren. Jetzt sind sie schon fast so weit weg wie Island. Und bald stoßen sie an die Nordamerikanische Ostküste. Von da aus können die Nachfolger der Mayflowergeneration wenigstens mit dem Bus zu Meghan und Harry nach Kalifornien touren. Eine Reise durch unbritisch sonnige, trockene Gefilde und niemand muss wegen seiner Hautfarbe hinten sitzen.
All-time Löw
Jetzt ist es endlich amtlich! Die Doppelspitze von Angela Merkel und Joachim Löw, beide auch bekannt unter ihren Kampfnamen Angie und Jogi, die Deutschland über 1,5 Dekaden regiert haben, verabschieden sich 2021 in den Ruhestand. Es sind zwei sehr spezielle Naturen, die wohl in keinem anderen Land der Welt eine Chance gehabt hätten. Aber Deutschland ist eben auch Deutschland.
Was verbindet die beiden also? Und wie konnten beide so lange ihre Macht konservieren?
Beide sind quasi unverwundbar. Sowohl Merkel als auch Löw sind mit einer Spezialbeschichtung versehen, die Kritik abperlen lässt. Aber während Kritik an Löw in der Folge schlicht im Schwarzwald versickert, hat Merkels Legierung noch zusätzlich die Eigenschaft, am politischen Gegner kleben zu bleiben. Während ich mich beim netten Herrn Löw demnach noch genau erinnern kann, wie er seine Finger in so ziemlich jede Körperöffnung steckte, um dann genüsslich am entstandenen Œuvre zu riechen, weiß ich bei Merkel gar nicht mehr so genau, was sie eigentlich im Laufe der Jahre verwurstet hat. Faszinierend!
Beide werden als erfolgreich wahrgenommen. Merkel hat Deutschland aus einer Wirtschaftskrise und durch eine Wirtschaftskrise geführt, um es dann – unverschuldet – in eine Wirtschaftskrise zu führen. Sie hat es geschafft, dass wir es schaffen. Sie war die pragmatischste Kanzlerin aller Zeiten und die erste. Löw ist Weltmeister geworden, zusammen mit Erik Durm, Kevin Großkreutz und dem langjährigen wahren Trainer der Nationalmannschaft, Hans-Dieter Flick, Kampfname Hansi, seit dessen Abschied es seltsamerweise nicht mehr so gut läuft. Aber: Wir waren Weltmeister! Im Export und Fußball!
Beide sind rhetorisch, in Anbetracht ihrer öffentlichen Position, unterirdisch schlecht. Merkel hat daraus die Fähigkeit entwickelt, Freund und Feind einzuschläfern und sie folgend im Bett an eine andere Position zu verschleppen, von wo dann weiter diskutiert wird. Sie nennt das Regieren und es hat oft super geklappt. Löw klingt in Interviews regelmäßig so, als hätte er eine Kiste Wein gefrühstückt. Das stimmt nicht, denn Löw frühstückt maximal ein bis zwei Flaschen Spätlese. Und dass er immer das gleiche sagt, ist im Sport auch egal, denn Fußball ist ja auch fast immer gleich.
Beide haben einen etwas altmodischen Stil in Person to Person Situationen. Merkel ist gefürchtet für ihre Fähigkeit politische Gegner auszuboten. Nach dem Motto: „Macbeth im Atomkraftwerk“. Damit ist sie schon einige schwarze Nullen losgeworden und wir sind wirklich dankbar dafür. Auch Löws Personalentscheidungen in der Nationalmannschaft sind in ihrer Dynamik an eine Paarbeziehung alter Schule angelehnt. So lange treu bleiben und nicht über Probleme reden, bis es nicht mehr anders geht. Dann Hals über Kopf Schluss machen und auch nicht mehr darüber reden. So soll das sein! Nicht wahr, Herr Müller?
Beide wurden nie wirklich von einem Herausforderer bedroht. Weil es keinen gab oder der sich selbst ins Aus geschossen hat. Wenn ein Schulz oder ein Lord Voldemerz zu hoch hinauswollten, endeten sie wie Ikarus. Und egal wieviele Weltklassespieler Deutschland zeitweise hatte, jedes vercoachte Halbfinalspiel konnte im Schwarzwald ausgesessen werden, ohne dass einer der Topleute des Trainerwunderlandes Deutschland sich berufen gefühlt hätte oder von der im schwarzen Turm gastierenden DFB-Spitze berufen worden wäre.
Beide haben zudem einen äußerlichen Wandel hinter sich, allerdings gegenläufig. Merkel von der Betreuerin im Jugendzentrum Greifswald-Nord zur Grand Dame der Weltpolitik. Löw vom dynamischen Merinowollkragenmodel zum faltigen Wuschelweirdo.
Beide haben ein Herz für Minderleister. Jens Spahn und Lukas Podolski außer Form? Das wird schon wieder werden. Nur der Neuerfinder der Autobahnen Scheuer, der scheint mir eher auf dem Max-Kruse-Weg zu sein und das im Gegensatz zu Max Kruse völlig zu Recht.
Und schlussendlich: Wir haben beide irgendwie in unsere Herzen geschlossen. Wir teilen einfach einfach zu viel Schönes miteinander! Und was bedeutet schon wahre Kompetenz im Vergleich zu schönen Erinnerungen!?
Respect
Der Geier
Es war ein Geier, der hackte in meine Füße. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füße selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde. »Ich bin ja wehrlos«, sagte ich, »er kam und fing zu hacken an, da wollte ich ihn natürlich wegtreiben, versuchte ihn sogar zu würgen, aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füße. Nun sind sie schon fast zerrissen.« »Daß Sie sich so quälen lassen«, sagte der Herr, »ein Schuß und der Geier ist erledigt.« »Ist das so?« fragte ich, »und wollen Sie das besorgen?« »Gern«, sagte der Herr, »ich muß nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?« »Das weiß ich nicht«, sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: »Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.« »Gut«, sagte der Herr, »ich werde mich beeilen.« Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, daß er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück, um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfließenden Blut unrettbar ertrank.
Franz Kafka, 1920
Vermisst!
Barabende mit Freunden
Tanzen mit Menschen
Arbeiten mit Menschen
Kaffeefilter einkaufen und dabei nicht mit Kaffeefilter im Gesicht einkaufen
Wegfahren
Darüber nachdenken, wegzufahren
Flugmeilen durch Bioläden (nicht) kompensieren
Kater am Morgen
Kater am Abend
Knutschen
Knutschflecken
Chaos
U-Bahn-Fahren
Sich über die U-Bahn aufregen
Und über die S-Bahn und den Bus und die, äähm, Straßenbahn
Leute zum Spaß anhusten
Husten
Theater
Pausenweißwein im Theater, weil Stück schlecht ist
Ausstellungen und Rückenschmerzen in Ausstellungen und nur dort
Touristen
Süße TouristInnen
Chaos (2. Nennung)
Spontanität
Energie
Rumbrüllen
Eklig essen in der Nacht
Jünger fühlen, als man ist
Älter fühlen, als man ist
Ich habe lange nichts mehr gelesen, gebinged und was passiert eigentlich gerade so in der Politik?
Heute nicht, sorry
Wer legt heute auf?
Online-Dating überflüssig finden
Zu teure Brunches
Neue Freunde
Inspiration
Muskelkater und Schürfwunden
Muskeln
Lärm
Umarmungen
Ekstase
Chaos (3. Nennung)
Kino im Kino
Popcorn (süß)
Vom Popcorn klebrige Hände an der Hose abwischen, statt die Hände zu waschen
Demonstrieren
Mit Fremden streiten
Sazerac
(…)
Nicht wissen, was morgen sein wird
Prof. Dr. Winfried Stöcker ist Mediziner und selbsterernannter Erfinder des ersten Covid19-Impfstoffs. Bereits im März 2020 injizierte er sich Antigene und impfte in der Folgezeit seine Familie und Mitarbeiter seines Unternehmens.
Die ersten Berichte dazu wurden bereits im April 2020 verfasst (Nordbayern) (FAZ). Vor zwei Tagen hat SPIEGEL-TV ein Video dazu veröffentlicht. Tenor: Prof. Stöcker entwickelt Impfstoff und wird als Dank dafür von der Staatsanwaltschaft angeklagt. Eine Message, die angesichts der amateurhaften Versuche der Bundesregierung eine Impfstrategie zu entwickeln – die zunehmend an Staatsversagen denken lassen (so Lobo im SPIEGEL) – sicher Reichweite entwickeln wird.
Warum Stöckers Ansatz, der sich u.a. an Drosten und das Paul-Ehrlich-Institut gewandt hatte, nicht weiter verfolgt wurde, ist weiterhin unklar. Natürlich ist es wichtig und sinnvoll, dass Impfstoffe ausführlich getestet werden (Berliner Morgenponst). Die Frage ist: War dies bei dem Antigen-Ansatz der Fall?
Dazu hat der SPIEGEL-TV Beitrag keine Antwort parat. Die Beweggründe des PEI und von Herrn Drosten bleiben nebulös. Dies aber lässt die Vermutung aufkommen, dass beim PEI geschlampt wurde und eine vielversprechende Möglichkeit, die Pandemie einzudämmen, verschlafen wurde.
Ich halte sowohl das Verhalten des PEI als auch die Berichterstattung von SPIEGEL-TV für nicht ausreichend.
Unabhängig davon, ob Stöcker rassistische Äußerungen (Tag24) getätigt hat oder sonst ein Unsymphat mit fragwürdigen Haltungen u.a. zu #metoo (Lübecker Nachrichten) ist, muss selbstverständlich jedem vielversprechenden Ansatz für einen Impfstoff nachgegangen werden. Und wenn dieser Ansatz für nicht erfolgversprechend gehalten wird, muss dies ausreichend begründet werden. Das hat das PEI bisher offenbar versäumt.
Und wenn SPIEGEL-TV in der aufgeheizten Stimmungslage einen derartigen Beitrag veröffentlicht, dann muss sich die Redaktion darüber im Klaren sein, dass dieser hauptsächlich Futter für Verschwörungstheoretiker und Wutbürger werden wird. Es ist niemandem damit geholfen, die Impfdebatte mit lückenhafter Berichterstattung – SPIEGEL-TV sagt zur Stellungnahme des Innovationsbüros des PEI lapidar, die Meinungen über den Inhalt des Telefongesprächs gingen auseinander – weiter zu emotionalisieren. Wenn nämlich das PEI gewichtige Gründe gehabt haben sollte, den Ansatz von Prof. Stöcker nicht zu verfolgen, dann wäre der Beitrag von SPIEGEL-TV eine journalistische Katastrophe.
Es ist tatsächlich gerade Berlinale. Ohne Stars und Zuschauer. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn während derzeit nur eine digitale Berlinale für die Filmindustrie stattfindet, soll im Juni dann eine hoffentlich ziemlich reguläre Berlinale (Wikipedia) stattfinden. Eine Übersicht über die Festivalfilme findet ihr hier (critic).
Wem das zu lange dauert, der kann natürlich auch bei mir im Heimkino vorbeischauen. Aber bitte nicht alle auf einmal, sonst setzt sich – angesichts dieser C19-Sprengkraft – wohlmöglich noch unser Spahnferkelchen dazu und probt die „Nationale Teststrategie (FAZ)„.
Nicolas Sarkozy wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, zwei Jahre wurden zur Bewährung ausgesetzt, eins kann in Hausarrest abgeleistet werden. Sarkozy wird zur Last gelegt, dass er einen Richter bestochen habe. Sarkozy ist also nach Beurteilung der französischen Strafjustiz korrupt und nunmehr (vorbehaltlich einer gegenläufigen Berufungsentscheidung) ein verurteilter Straftäter.
Warum kommt mir das bloß so komisch vor? Vermutlich deshalb, weil es schlicht ungewöhnlich ist, dass ein europäischer Top-Politiker, insbesondere ein ehemaliger Staatspräsident, wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilt wird.
Angesichts des Wahnsinns, der vier Jahre das weiße Haus befallen hatte und zahlreicher anderer Regierungschefs, denen nicht gerade ein clean slate attestiert werden kann – ich denke da an Menschen wie Viktor Orbán, Kim Jong-Un oder Nicolás Maduro (u.v.a.) – hat sich zudem der Eindruck verfestigt, Spitzenpolitiker könnten machen was sie wollen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Dass das ein fatales Signal an die jeweiligen Bewohner der Länder ist, ist kaum zu bestreiten. Weniges wirkt so zersetzend auf eine Gesellschaft, wie die Duldung von Straftaten der herrschenden Klasse. Umso wichtiger ist es, dass Vergehen in Ländern, in denen das Rechtssystem einigermaßen funktioniert, entsprechend geahndet werden. Und dass in Extremfällen internationale Institutionen wie der ICC die nationale Straflosigkeit durchbrechen.
Die Verurteilung Sarkozys ist aber nicht nur ein wichtiger Fingerzeig, betreffend die Wahrnehmung der Unangreifbarkeit von Spitzenpolitikern, sondern auch hinsichtlich der Verfolgung von Korruption. Dass das Thema Korruption in Bezug auf seine Wichtigkeit Weltrang genießen müsste, ist angesichts des weltweiten Ausmaßes und der entstehenden volkswirtschaftlichen Schäden offensichtlich. Diesen Status hat es aber schlicht nicht.
Dass sich daran vielleicht gerade etwas ändern könnte, lässt die alsbald geplante Einführung des Lobbyregisters aber auch die Ermittlungen gegen den Bundestagsabgeordneten Nüßlein erhoffen. Wir brauchen hier schlicht mehr Transparenz: Für die Stärkung des Vertrauens der Bürger in ihre Regierenden, aber auch für die Absicherung unabhängiger Entscheidungsprozesse.
Die Verurteilung von Sarkozy darf dafür gern mahnendes Beispiel sein.
Frühling
Teil drei der Frühlingsbegrüßungszeremonie und heute lacht sogar die Sonne.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten, deswegen bekommt ihr noch die dystopische Variation serviert.
Mehr zu den Uncertain Four Seasons unter:
Er ist’s
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
– Eduard Mörike, 1832
