„In China ist wieder ein Sack Reis“ umgefallen“, heißt es, wenn etwas richtig schön egal ist. Und völlig zu Recht heißt es nicht: „In China hat wieder einer eine Fledermaus verspeist.“
In Würzburg hat nun ein Mann drei andere Menschen erstochen und sieben weitere verletzt. Und das ist jetzt Nachricht Nummer eins für einige Tage? Warum?
Warum muss der Täter von der BILD mit BILD auf die Titelseite gezerrt werden? Was ist daran nachrichtenwert? Warum sind Spekulationen über eine Gesinnung und Motive nachrichtenwert? Was ist an Unwissen benachrichtigungswert?
Fragen wir uns erst einmal: Warum erscheint die Nachricht so prominent in den Medien?
- Ein Mensch der andere Menschen unvermittelt umbringt, bedient eine Urangst. Die Angst vor einem unmittelbaren, unangekündigten Tod. Das betifft alle Menschen.
- Diese Angst wird durch die Begehungsart der Tat gesteigert. Einkaufen bei Woolworth. Mehr Alltag geht in den Würzburgen dieses Landes nicht.
- Herkunft und vermeintliche Gesinnung erregen das nationalistische bis rassistische Potenzial in diesem Land. Das sind vorsichtig geschätzt so um die 20% der Bevölkerung. Leider. Mehr bei BILDlesern. Leider.
- Der Rest wird mit aufenthaltsrechtlichen Ködern gelockt. Genüsslich wird der Bleibestatus dekonstruiert. Tenor: Das hätte doch verhindert werden können. Hätte, hätte, Clickbaitkette.
- Große Nachrichten machen große Nachrichten. Ist eine Nachricht erst groß, ziehen alle mit. Auch die Taz.
Und jetzt fragen wir uns: Hat die Nachricht es verdient, berichtet zu werden?
Ja, es ist eine schreckliche Vorstellung von einem Menschen aus dem Leben gerissen zu werden. Aber es ein Massenphänomen, es passiert jeden Tag. Allein in Deutschland gibt es täglich etwa 10 Tötungsdelikte (Vollendung und Versuch). Weltweit jährlich etwa 1 Millionen. Etwas was jeden Tag passiert x-fach passiert, hat eigentlich keinen Nachrichtenwert.
Also bräuchte es noch mehr, ein erhellendes Element, ein Lichtschein der Erkenntnis. Aber an harten Fakten zu dem Fall haben wir: nichts.
Geistiger Zustand des Täters: unbekannt. Motiv des Täters unbekannt. Es bleiben Messer, Blut, Tote und schwarze Haut. Ungenügend!
Was es genügend gibt: Bullshit – Kostprobe gefällig? (Zitiert nach SZ, BILD spare ich mir)
- Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) äußerte sich am Samstag zu der Attacke. „Ich bin von dieser unfassbar brutalen Tat tief erschüttert“, sagte er.
- Innenminister Herrmann zufolge habe ein Kaufhausdetektiv angegeben, der Verdächtige habe bei der Tat „Allahu Akbar“ (deutsch: Gott ist groß) gerufen. Auch Polizisten bestätigten das.
- Laut Ministerpräsident Markus Söder (CSU) müssen nun Sicherheitsbehörden von Bund und Land klären, warum so etwas passieren konnte.
- „Hinweise auf radikale Gesinnung und auf psychische Probleme des Täters schließen sich auch nicht gegenseitig aus“, so Herrmann.
Platitüden und Mutmaßungen von öffentlichen Gestalten, denen ich es nicht zutrauen würde, meinen Handyvertrag zu kündigen. Da mihi factum, dabo tibi ius heißt es in der Justiz – gib mir die Fakten und ich gebe dir das Recht. Das ist mein Anspruch auch an Journalismus. Die Clickbait-Speichelleckerei muss aufhören. Entschleunigung im Dienste der Qualität, das ist mein journalistisches Ideal.
Es ist keine Neuigkeit, keine aufklärende Information, kein Anstoß, keine Idee, keine Warnung, keine Begleitung im Alltag, einen afrikanischstämmigen Mann aufs Titelbild zu zerren. Genauso wie es das nicht wäre bei einem Deutschen. Oder Inuit.
Wenn es ein Marsmensch wäre, dann lasse ich mich darauf ein, dass wir nicht erst auf Motive und Hintergründe warten brauchen. Bis dahin dauert es aber hoffentlich noch ein wenig.
Wie wäre es denn mal mit mehr Hilfe für Menschen in Obdachlosenunterkünften? Wie wäre es mit ausreichend Therapieplätzen? Wie wäre es mit Hilfsangeboten für Menschen, die von formal-religiösen Bewegungen unterdrückt werden? Falls das Geld fehlen sollte – bei der CSU ist noch sehr viel Einsparpotenzial!
