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samstag: open up!

Das Innen-Außen-Problem

In den Berliner Parks war in den letzten Tagen der Bär los und das lässt der regierende Bärenmeister nicht auf sich sitzen. Es gibt jetzt in Berlin eine Ausgangsperre light, wie die FAZ formuliert.

„Von Karfreitag  an dürfen sich Personen zwischen 21 Uhr und fünf Uhr morgens nur noch alleine oder zu zweit im Freien aufhalten. Ab Dienstag nach Ostern werden Regeln weiter verschärft. In Innenräumen dürfen sich dann zu privaten Treffen Angehörige eines Haushalts nur noch mit einer Person aus einem weiteren Haushalt treffen. Zwischen 21 und fünf Uhr sind keine Besuche von Personen aus einem anderen Haushalt erlaubt, die Angehörigen eines Haushalts müssen dann unter sich bleiben.“

Das offensichtliche Problem dabei: Sowas ist nicht ansatzweise kontrollierbar. Draußen schon kaum und drinnen gar nicht..

Zudem ist der typische Ansteckungsverlauf von Covid19 weiterhin (nach über einem Jahr) nicht ausreichend berücksichtigt .Wir wissen über Covid19-Infektionen vor allem folgendes: Sie finden in Innenräumen statt. Und wir wissen über Menschen: Soziale Kontakte sind für ihr Wohlbefinden notwendig, vor allem nach langen Phasen von wenigen sozialen Kontakten. Und: Menschen sind inkonsequent und keine Meister der Risikokalkulation, aber haben auch Angst Regeln (vor allem allein) zu brechen und sich zu exponieren.

Was folgt daraus für ein Regelwerk?

  • Das Regelwerk muss so ausgerichtet sein, dass es Treffen in Innenräumen minimiert.
  • Und es sollte zur Regeleinhaltung positiv motivieren.
  • Und Regelverstöße sollten nach außen sichtbar sein.

Daran gemessen ist die nächtliche Ausgangsbeschränkung auf ein bis zwei Personen relativ witzlos, da sie keinen Fortschritt bietet. Hier wäre es tatsächlich sinnvoller gewesen, eine nächtliche Ausgangssperre zu verhängen. Nicht, weil man sich draußen ansteckt, nein, sondern um abendliche Besuche in anderen Haushalten zu verhindern, da der Regelbrecher sich sonst „verraten“ würde.

Die Beschränkungen für Treffen in Innenräumen sind dagegen nachvollziehbar, sie sind aber, wie bereits erwähnt, nicht kontrollierbar. Und da sie nicht durch eine Ausgangsperre „gedeckt“ werden, kommt es gerade nicht zu der wirksamen Exponierung, die den braven Bürger vom abendlichen Fremdbesuch abhält.

Zudem sind die Regelungen – und das ist schon seit November DAS Problem – zeitlich ungeschickt gestaltet. Wie wir wissen, haben wir es bei der Virenverbreitung mit einem grundsätzlich mathematisch vorhersagbaren Modell zu tun. Und wir wissen auch was die Verbreitung stark ausbremst, nämlich eine Reduzierung von Übertragungspozentialen über einen Zeitraum, in dem die Virenwirte noch ansteckend sind. Wenn dieses kritische Zeitfenster erreicht wird und ein Ansteckungszyklus abgelaufen ist, bricht das Verbreitungsmuster des Virus quasi zusammen.

Die richtige Vorgehensweise erscheint mir danach zu sein:

Die Menschen sollten dazu ermuntert werden, soziale Kontakte in den Außenbereich zu verlegen (Motivation schaffen sein Sozialkonto draußen zu füllen, statt drinnen. Ein Verbieten von sozialen Kontakten auch im Außenbereich ist jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr haltbar.).

Treffen in Innenbereichen werden soweit untersagt, wie dies eben möglich ist. Hier ist etwa die Verpflichtung zum Home-Office oder die Schulschließung zu nennen, beides Maßnahmen die nur inkonsequent durchgesetzt wurden und werden. (Hierbei ist es sehr wichtig die Maßnahmen jeweils von Anfang an fest zu befristen. Denn derart einschneidende Maßnahmen sind nicht lange durchhaltbar und werden dann besser befolgt, wenn ihr Sinn und Umfang von Anfang an erkannt wird. Sprint-Modell! Motivation!)

Um die jeweiligenen Verbote zu stützen, sind auch flankierende Maßnahmen sinnvoll, die nicht das Infektionsgeschehen direkt unterbinden, sondern indirekt hemmen. So hätte eine temporäre abendliche und nächtliche Ausgangsperre eben genau den psychologischen Effekt einer Exponierung von Regelbrechern. Aber auch hier ist das Framing der Maßnahme das Entscheidende. Also Befristung von Anfang an.

Es ist ein ziemlich erbärmlicher Vorgang, der sich hinsichtlich der pandemiepräventiven Regelfindung seit Ende Oktober 2020 in Deutschland abspielt. Die Vorgehensweise ist psychologisch nicht auf der Höhe, da die Bürger keine klaren Messages bekommen und auf der analytisch-medizinischen Ebene unzureichend, weil viel zu wischi-waschi, um tragende Effekte zu erzielen. Und trotzdem bin ich guten Mutes, dass wir es bald geschafft haben.

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