21st Century presents
Good vibes only, clean eating, constant traveller, always looking for the best coffee in town, live every day as if it was your last, my dog is my spirit animal, plant based in Berlin, keep smiling, citizen of the world, bright green soul, open minded, inspiring food, addicted to art, healing guru, love my job, improving every day. Are you keen for life, too?
So oder so ähnlich. Und jedes Jahr mehr davon. Ein Schwall von verschwurbeltem Geschwülst und erschwindeltem Schwanengesang. Mir drängt sich entsprechend folgende Entwicklung unserer westlichen Welt auf:
- Unsere Großeltern haben mit Maschinengewehren geschossen und zerbombte Häuser aufgeräumt.
- Unsere Eltern haben Marx, Foucault und Hegel gelesen oder es behauptet. Gelesen haben sie jedenfalls. Bücher!
- Wir machen Selfies, schauen Fitnessvideos, lachen über Memes und entwerfen Selbstvermarktungspropaganda.
Aber stimmt das?
Viel ist bereits geschrieben worden über das neue Spießertum, über die Doppelbödigkeit elitärer Weltverbesserer, über die Verblödung durch Social Media und den Drang zur Selbstvermarktung. Ich finde, dass das Thema keinen weiteren negativen Beitrag braucht, sondern ein Verständnis, was da passiert, woher die Kommunikation, die Anforderungen und die Wertekataloge des 21. Jahrhunderts kommen.
Meine These: Die neuen Anforderungen und Werte des 21. Jahrhundert sind nichts anderes als Lückenfüller, für das, was abhanden gekommen ist.
- Die Religion ist als sinnstiftendes Element weitgehend verloren. Die kirchliche Idee fällt der Aufklärung und dem Siegeszug der Wissenschaft endgültig zum Opfer, die notwendige religiöse Schizophrenie aus Gottglaube und Einsteinglaube wollen immer weniger Menschen leisten.
- Die Familienstrukturen sind ausgefranst oder auf opportune Austauschgesellschaften reduziert. Eine harte Verantwortung zwischen den „Generationen“ besteht nur noch selten.
- Gesellschaftliche Zwänge, die für lange Zeit etwa Paarbeziehungen „auf bis das der Tod euch scheidet“ verlangt haben, existieren kaum noch.
- Die Arbeitswelt flexibilisiert sich. Feste Berufsgattungen lösen sich immer mehr auf und die Grenzen der Arbeit verschwimmen. Der technische Fortschritt übernimmt fortlaufend neue Tätigkeitssektoren und schafft andere.
Damit ist nun fast alles verhandelbar, vieles ungefähr, weniges klar. Und es ist nachvollziehbar, dass dabei große Lücken in den Köpfen entstehen. Lücken, in die die Player und Phänomene der Neuzeit hineinstoßen.
- Das Internet täuscht uns unbegrenzte Möglichkeiten vor und lässt uns in Informationen ertrinken.
- Social-Media macht uns zu unseren eigenen Produktmanagern und das Sich-Vergleichen zum Businessmodel.
- Die Werbewirtschaft beschießt uns mit neuer und ungeahnt präziser Verlangensmunition.
Diese Phänome wirken als Trigger und erschaffen einen Glauben, eine Ideologie, die wiederum das Verhalten der Menschen massiv beeinflusst. Daraus erschaffen wir dann im schlechtesten Fall ein Klima hysterischer Perfektionswut, die Verseltsamung des Tiefsinns, eine Verkürzung von Wahrheiten und noch viel mehr bescheiden Sinnvolles.
Was aber beim Blick durch die Dystopiebrille leicht übersehen werden kann:
Die Werte hinter den modernen Ideologien sind oftmals überzeugend. Es besteht ein Wunschbild einer gewaltfreien Welt. Einer Welt des Austauschs und der Fröhlichkeit mit einem Fokus auf kultureller Durchlässigkeit. Und es dient den Menschen, wie so oft bei Ideologien, als Coping-Strategie für das, was allen ultimativ droht: der Tod. Das ist ein hochanzuerkennender Grund für einen Glauben. Selbst wenn es nur der Glaube an Kaffee mit Herz im Schaum ist.
Zudem zeigt ein Vergleich mit den alten Playern und Phänomenen, dass wir uns nicht zum Schlechten entwickeln. Während die Kirche in ihrer Geschichte Millionen Menschen getötet hat, werden Yoga-Spiritualisten derartiges kaum auf die Rolle bekommen. Lose Familienstrukturen sind offen für alles und damit eben auch für die Entwicklung echter Fürsorge, ein Kümmern als Selbstzweck. Dies ist gegenüber dem noch im 20. Jahrhundert oft vorherrschenden Zwanghaftigkeits- und Unterdrückungsdogma ein massiver Fortschritt. Und auch das moderne Zusammenleben und -arbeiten bietet Chancen. Zwar ist das committen sowohl in der Liebe als auch in der Arbeit in der Krise. Ich halte das aber auch nur für ein Zwischenergebnis auf dem Weg zu einer neuen Form der Kooperation mit spannenden Möglichkeiten.
Vorsicht ist aber trotzdem geboten. Denn vieles von dem, was uns so täglich um die Ohren gehauen wird, ist ein astreines Produkt der Marktwirtschaft und durchtränkt von der Soma des Konsumreizes. Wenn ich mir im Kopf einen Filter dagegen antrainiere, quasi einen Ad-Blocker, dann kann ich mit der schönen, neuen Welt sicher ganz glücklich werden.
