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dienstag: die öffentliche meinung

All-time Löw

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Jetzt ist es endlich amtlich! Die Doppelspitze von Angela Merkel und Joachim Löw, beide auch bekannt unter ihren Kampfnamen Angie und Jogi, die Deutschland über 1,5 Dekaden regiert haben, verabschieden sich 2021 in den Ruhestand. Es sind zwei sehr spezielle Naturen, die wohl in keinem anderen Land der Welt eine Chance gehabt hätten. Aber Deutschland ist eben auch Deutschland.

Was verbindet die beiden also? Und wie konnten beide so lange ihre Macht konservieren?

Beide sind quasi unverwundbar. Sowohl Merkel als auch Löw sind mit einer Spezialbeschichtung versehen, die Kritik abperlen lässt. Aber während Kritik an Löw in der Folge schlicht im Schwarzwald versickert, hat Merkels Legierung noch zusätzlich die Eigenschaft, am politischen Gegner kleben zu bleiben. Während ich mich beim netten Herrn Löw demnach noch genau erinnern kann, wie er seine Finger in so ziemlich jede Körperöffnung steckte, um dann genüsslich am entstandenen Œuvre zu riechen, weiß ich bei Merkel gar nicht mehr so genau, was sie eigentlich im Laufe der Jahre verwurstet hat. Faszinierend!

Beide werden als erfolgreich wahrgenommen. Merkel hat Deutschland aus einer Wirtschaftskrise und durch eine Wirtschaftskrise geführt, um es dann – unverschuldet – in eine Wirtschaftskrise zu führen. Sie hat es geschafft, dass wir es schaffen. Sie war die pragmatischste Kanzlerin aller Zeiten und die erste. Löw ist Weltmeister geworden, zusammen mit Erik Durm, Kevin Großkreutz und dem langjährigen wahren Trainer der Nationalmannschaft, Hans-Dieter Flick, Kampfname Hansi, seit dessen Abschied es seltsamerweise nicht mehr so gut läuft. Aber: Wir waren Weltmeister! Im Export und Fußball!

Beide sind rhetorisch, in Anbetracht ihrer öffentlichen Position, unterirdisch schlecht. Merkel hat daraus die Fähigkeit entwickelt, Freund und Feind einzuschläfern und sie folgend im Bett an eine andere Position zu verschleppen, von wo dann weiter diskutiert wird. Sie nennt das Regieren und es hat oft super geklappt. Löw klingt in Interviews regelmäßig so, als hätte er eine Kiste Wein gefrühstückt. Das stimmt nicht, denn Löw frühstückt maximal ein bis zwei Flaschen Spätlese. Und dass er immer das gleiche sagt, ist im Sport auch egal, denn Fußball ist ja auch fast immer gleich.

Beide haben einen etwas altmodischen Stil in Person to Person Situationen. Merkel ist gefürchtet für ihre Fähigkeit politische Gegner auszuboten. Nach dem Motto: „Macbeth im Atomkraftwerk“. Damit ist sie schon einige schwarze Nullen losgeworden und wir sind wirklich dankbar dafür. Auch Löws Personalentscheidungen in der Nationalmannschaft sind in ihrer Dynamik an eine Paarbeziehung alter Schule angelehnt. So lange treu bleiben und nicht über Probleme reden, bis es nicht mehr anders geht. Dann Hals über Kopf Schluss machen und auch nicht mehr darüber reden. So soll das sein! Nicht wahr, Herr Müller?

Beide wurden nie wirklich von einem Herausforderer bedroht. Weil es keinen gab oder der sich selbst ins Aus geschossen hat. Wenn ein Schulz oder ein Lord Voldemerz zu hoch hinauswollten, endeten sie wie Ikarus. Und egal wieviele Weltklassespieler Deutschland zeitweise hatte, jedes vercoachte Halbfinalspiel konnte im Schwarzwald ausgesessen werden, ohne dass einer der Topleute des Trainerwunderlandes Deutschland sich berufen gefühlt hätte oder von der im schwarzen Turm gastierenden DFB-Spitze berufen worden wäre.

Beide haben zudem einen äußerlichen Wandel hinter sich, allerdings gegenläufig. Merkel von der Betreuerin im Jugendzentrum Greifswald-Nord zur Grand Dame der Weltpolitik. Löw vom dynamischen Merinowollkragenmodel zum faltigen Wuschelweirdo.

Beide haben ein Herz für Minderleister. Jens Spahn und Lukas Podolski außer Form? Das wird schon wieder werden. Nur der Neuerfinder der Autobahnen Scheuer, der scheint mir eher auf dem Max-Kruse-Weg zu sein und das im Gegensatz zu Max Kruse völlig zu Recht.

Und schlussendlich: Wir haben beide irgendwie in unsere Herzen geschlossen. Wir teilen einfach einfach zu viel Schönes miteinander! Und was bedeutet schon wahre Kompetenz im Vergleich zu schönen Erinnerungen!?

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